El Ragula

Konzept: El Ragula

 

„El Ragula“ ist Arabisch und steht für „den Mann“ bzw. die „Männlichkeit“. Ich habe diesen Thema und den Titel gewählt, da ich vor einiger Zeit aus Ägypten, einem Arabischen Land, recht plötzlich nach Wien gekommen bin und hier auf einige Differenzen in dem Bild von „Männlichkeit“ gestoßen bin. 

Ägypten ist ein Land in dem kulturell und gesellschaftlich ein recht klares, Neindeutiges und hier würde man oft sagen „klischeehaftes“ Männerbild herrscht:

Um seiner Rolle gerecht zu werden, muss der Mann kämpfen, sich verbiegen, hart arbeiten und sich selbst kennenlernen. Das ist oft schmerzhaft, immer anstrengend und mühsam. Je besser die Selbsterkenntnis wird, desto gerader und einfacher wird der Weg, den der Mann zu gehen hat.

Zur Vollständigkeit halber möchte ich hier auch kurz auf das ägyptische Frauenbild eingehen: Nun könnte man meinen, dass die Frauen „abgewertet“ würden (schließlich müssen sie doch auch einen Weg der Selbsterkenntnis gehen und ihre Wege sind auch nicht schmerzfrei oder einfach). Das stimmt, doch verbindet man in Ägypten mit den Frauen eher eine emotionale Stärke und Tiefe, während der Mann für seine körperliche Kraft bekannt ist. Diese Zuordnungen basieren auf alltäglichen Beobachtungen und lange bekannte Volksweisheiten. Da eine gute Bildung in Ägypten noch nicht weit verbreitet ist werden sie von Generation zu Generation, bis heute, weitergegeben.

Hier in Europa ist die Genderdebatte so gegenwärtig, es wird so viel Fortschritt und Freiheit propagiert, dass ich annehmen musste, dieses strikte Bild von „dem Mann“ sei aufgebrochen und habe sich im Individualismus und der freien Lebensführung des Einzelnen aufgelöst. Schon nach kurzer Zeit entdeckte ich allerdings, dass hier zwar weniger (oder zumindest nur bedingt) von der Gesellschaft an sich ein Männerbild propagiert wird, aber, dass es von den Medien und der Werbung diktiert, und von den Menschen (mehr oder weniger) aufgenommen wird. Da diese Unternehmen aber nur das propagieren was zu ihrem eigenen Nutzen ist, führt dazu, dass es sich oft um reine Banalitäten handelt („Wie hat ein Mann auszusehen?“, „Wie sollte sich ein Mann verhalten?“, „Was sollte ein „echter“ Mann essen?“ „männliche Produkte“ usw.) und das verbreitete Männerbild so sehr eindimensional wirkt.

Einige, zumindest die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau, scheinen naturgegeben zu sein, doch auch hier verschwimmt die Grenze immer mehr.

Ich habe angefangen mich stark mit dem Thema zu beschäftigen, da ich einen unmittelbaren Bezug dazu hatte und viel darüber reflektiert habe, seit ich in Europa bin.

„Männlichkeit“ wird oft als eine Art Gegensatz zur sog. „Weiblichkeit“ gesehen. Doch kann das stimmen? Biologisch betrachtet haben wir alle „männliche“ und

auch „weibliche“ Hormone, was verstehen wir also unter „weiblich“ und „männlich“? Und noch weiter gedacht: Wenn ein gewisses Verhalten als „männlich“ betrachtet wird, wie wirkt sich das auf unser Zusammenleben aus? Schaut man sich die europäische Gesellschaft an, findet man schnell, dass in den meisten Spitzenpositionen (Wirtschaft, Politik, Forschung, Wissenschaft etc.) der prozentuale Anteil der Männer doch deutlich höher ist, als der der Frauen. In der arabischen Welt ist dieser Unterschied sogar noch viel größer. Leben wir also in einer Welt deren System durch die „Männlichkeit“ (in allen unterschiedlichen Interpretationen) geprägt ist? Es gibt viele Theorien, Statistiken und Studien zu diesem Thema und ich möchte mit meiner Performance zunächst nur meine eigenen persönlichen Erfahrungen darstellen, und dann auch Anregungen zu diesen weiteren, größeren Themen geben.

Thematisch im Zentrum sind die Ansprüche und Anforderungen, die heute in Europa und in Ägypten an den Mann gestellt werden. Was bewegt den Mann, hier wie dort? Ich selbst habe oft eine Art innerer Zerrissenheit gefühlt, inmitten zwischen Ansprüchen und Anforderungen, erwartetem Verhalten, eigenen Vorstellungen, verinnerlichtem „Männerbild“ und der Verbreitung des Gedankens von „absoluter Freiheit“ hier in Europa.

Am Ende meines Stückes entwickle ich, nach und nach, einen tänzerisch abgehandelten Emanzipationsprozess.

Zu der performativen Umsetzung:

„Tanzen ist Wahrheit, Wunsch und Echtheit vereint in Bewegung.“ Dieses Zitat beschreibt meine Arbeit wohl am besten: mir geht es vor allem um Authentizität.

Wie kann ich Bewegungen finden, die Echtheit ausdrücken und sie als Medium der Kommunikation verwenden? Der Ausgangspunkt meiner Arbeit ist das mir Näheste: mein eigener Körper. Das didaktische Spiel zwischen „choreografiertem Objekt“ und dem Körper, der choreografiert erweitert immer wieder meine Bewegungssprache und liefert mir neue Möglichkeiten mich an ein Thema heranzuarbeiten.

Im ersten Teil meiner Performance verwende ich einzelne eingefrorene Posen (in Anlehnung an die antiken Statuen, die mir in Wien so sehr aufgefallen sind und inspiriert vom Bild, das die Werbung vom Mann in Europa zeichnet). Dazwischen setze ich Bewegungsabläufe, die den Körper die nächste männliche Pose finden lassen. Die Geräusche, die mein Körper dabei macht, sind ein wichtiger Aspekt – es sind männliche Geräusche- doch was bedeutet das eigentlich? Hier wird erneut die Spannung zwischen Klischee und eigener Perzeption, deutlich. Ich verwende auch Sprache, Deutsch und meine Muttersprache Arabisch. Mal kraftvoll, mal drohend, mal aggressiv, mal schwach und hilfsbedürftig.

Am Ende entsteht ein innerer Zustand den ich nach Außen kehre: Zerrissenheit, Verzweiflung und Ratlosigkeit bleiben am Ende übrig. Der Staub, der mir entgegen weht ist Symbol für die äußeren und inneren Widerstände gegen die jeder Mann,

vielmehr jeder Mensch, zu kämpfen hat. In meiner Heimat ist dieser Staub, der von Steinen kommt, aber auch ein Zeichen für Stärke. Und wenn der Staub sich gelegt hat kann man vielleicht doch wieder etwas klarer sehen.